Gespräch mit einem amnesty-Aktivisten

Daß mir der fordernde Frohsinn sich mir in den Weg stellender Aktivisten nervt, habe ich schon einmal erklärt. Ob es nun daran lag, daß ich mein Wochenkontingent an Ärger schon anderweitig verbraucht habe, oder daran, daß ich gerade von der Kirche kam – heute habe ich einem jungen amnesty-international-Aktivisten sehr ruhig und freundlich erklärt, warum ich ai nicht unterstütze.
Das im vergangenen Oktober erdachte und erst heute ausgesprochene Beispiel, um meine Haltung zu erklären, verstand er sogar. Auch wenn ich ihn sicher nicht überzeugt habe. Aber ich habe ihm immerhin erklären können, was ich meine.

Ich kann für amnesty international nichts spenden – und könnte es nicht einmal, wenn ich viel Geld hätte -, obwohl ich vermute, daß ai immer noch auch gute Arbeit für die Befreiung Gefangener tut. Ich kann es deshalb nicht, weil ai von einem Recht auf Abtreibung ausgeht und sich dafür einsetzt, daß allen Frauen dieses Recht zugestanden wird.

Bei einer Abtreibung wird ein Mensch im frühen Entwicklungsstadium getötet. Daß es ein Mensch ist (nicht ein werdender oder künftiger Mensch, sondern ein jetzt existierender Mensch), kann nicht bezweifelt werden – von der Zeugung an hat er eine menschliche DNA.
ai will, daß dies erlaubt wird. Die Rede ist vom Entkriminalisieren des Schwangerschaftsabbruchs.

Stellen Sie sich bitte folgendes vor.
Sie wissen, daß Ihr Nachbar seine Frau verprügelt. Sie wissen ferner, daß er monatlich großzügige Spenden an wohltätige Organisationen überweist und daß er ein hochangesehener Mann ist, der sich für soziale Belange einsetzt. Nur, nun ja – er prügelt halt auch seine Frau.
Würden Sie darüber hinwegsehen, weil er ja sonst so ein prima Kerl ist?
Würden Sie mit ihm ein Bier trinken?

Der junge Mann wandte ein, die Legalisierung der Abtreibung komme vergewaltigten Frauen zugute.

Nein, das tut sie nicht. Eine Frau, die durch Vergewaltigung schwanger ist, hat zwei schreckliche Probleme zu bewältigen: erstens, daß sie vergewaltigt wurde, zweitens, daß der Vater des Kindes ein Mistkerl ist. Wenn sie das Kind abtreiben läßt, ist der Vater immer noch ein Mistkerl, sie ist immer noch vergewaltigt – und sie hat den Tod eines Menschen herbeigeführt. Damit ist nichts besser geworden und Schlimmes hinzugekommen.

Hiervon abgesehen, werden die weitaus meisten Abtreibungen nicht wegen kriminalistischer Indikation vorgenommen, sondern weil das Kind gerade nicht passt. Aber das ist nicht der wichtigste Punkt.

amnesty international wendet sich gegen jede Form von Körperstrafen und gegen die Todesstrafe – in allen Fällen. Wenn nun genau diese Organisation die Beseitigung von Menschen im frühen Stadium ausdrücklich zur gesetzlich verankerten Option machen will, hat sie ein schweres logisches Problem.

Ich bin froh, daß der junge Aktivist mir zugehört hat, daß wir beide freundlich geblieben sind, daß wir uns respektvoll und lächelnd verabschiedet haben. Traurig bin ich – und habe ihm das auch gesagt -, daß ein Verein, für den ich als Jugendliche mit glühender Begeisterung Petitionen verfasst und Unterschriften gesammelt habe, sich so weit von der Logik entfernt hat.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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