Frohsinn

Ich liebe meine Heimatstadt Berlin.
Einmal im Jahr liebe ich sie noch mal ganz besonders. Das ist die Faschings-, Fastnachts-, Fasnet- oder wie immer -Zeit. Die tollen Tage.

Natürlich gibt es das in Berlin. Es ist auch durchaus lustig, eine muslimisch gekleidete Frau mit einem kleinen Darth Vader an der Hand zu sehen. Aber es fällt halt nicht besonders auf. Die Stadt wird nicht flächendeckend mit Konfetti und Bonbons beregnet. Man kann am Rosenmontag ganz normale Dinge tun, ohne aufzufallen. Es hängen weder beim Frisör noch beim Orthopädiefachgeschäft Luftschlangen herum, jedenfalls nicht in den südwestlichen Gefilden der Hauptstadt. Und genau dafür liebe ich diese Weltgegend.

Sicher, es gab am letzten Sonntag vor der Fastenzeit entsprechende Predigten, bestimmt viele, und es wurden mancherorts dabei auch Pappnasen getragen (aber nur in Gemeinden, die sonst auch nicht liturgisch firm sind). Schlimm ist es auch in Pflegeheimen, wo Menschen, die nicht weglaufen können, mit Karnevalsschlagern angeödet werden. (Für mich wäre das ein ganz strenger Aufruf zum Kreuztragen, möge es mir erspart bleiben.) Aber insgesamt ist Berlin in diesen Tagen recht zivilisiert. Das heißt, es wird natürlich weiter gelogen, betrogen, gestohlen, vergewaltigt, gemordet – aber es wird wenigstens nicht so getan, als sei alles lustig.

Ich habe Sympathie für Kostümfeste, für tobende Kinder und für Rollenspiele.
Gar keine Sympathie habe ich für verordneten Frohsinn, für Schunkelpflicht und Abstinenzverbot, für besoffene Grabscher und verdreckte Straßen. Ich mag es einfach nicht. Ich frage mich auch: Was macht ein armer Rheinländer, wenn es ihm kurz vor Aschermittwoch so richtig elend geht? Wenn er mit Pflege Angehöriger überlastet und alleingelassen ist, wenn er eine fatale Diagnose bekommen hat, wenn er Liebeskummer hat oder die Arbeit verloren hat? Da bleiben doch nur zwei Möglichkeiten: Saufen oder auswandern. Ich würde unter allen Umständen zu letzterem raten.

Die Frohsinnsschergen werden mich auch heuer nicht fangen. Ich bleibe hier, in dieser wundervollen, schwierigen, verrufenen, gefeierten Hauptstadt und denke: Ich habe so schlechte Laune, wie es mir gefällt. Bleibt mir vom Leibe mit dem bunten Brauchtum, das keine Trauer und keine Probleme duldet. Bleibt mir vom Leibe in Freud und Leid, und auch jetzt, da ich begeistert an einer hochinteressanten Übersetzungsarbeit sitze.

Es ist wundervoll, ein fröhliches Herz zu haben. Frohsinn zu fordern, ist grausam. Und bei mir herrscht Konfettiverbot.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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19 Antworten zu Frohsinn

  1. C.Becker schreibt:

    Ich habe diesen Artikel gerade meinem Mann vorgelesen, der ebenfalls aus Berlin stammt und den es nun ins mittelhessische Dorfidyll verschlagen hat. Ich zitiere:“Schön, sehr schön.“ Leider ist es mir nicht möglich, den dazugehörigen Gesichtsausdruck hier schriftlich wiederzugeben. Aber ich kann versuchen, ihn zu beschreiben.
    Wenn ich den Gesichtsausdruck meines Mannes richtig deute, dann beneidet er dich gerade sehr darum, in Berlin zu sein und würde dir gerne Gesellschaft leisten. Fasching ist für ihn Graus und Kulturschock zugeleich. Ich muss der Vollständigkeit halber noch erwähnen, dass wir etwa 45 Autominuten von Mainz entfernt leben und demzufolge auch zum Bistum Mainz gehören, in welchem Fasching eine besondere Bedeutung hat. Ich selbst kann mit Fasching nichts anfangen und wurde letztens von einer protestantischen Christin gefragt, wie ich den katholisch sein könne ohne Fasching zu mögen. Was soll ich sagen: Ich kann es gut, sehr gut sogar! Oder habe ich eine Textstelle im Katechismus überlesen, in der geschrieben steht, dass jeder Katholik den aufgezwungenen Frohsinn mögen muss, um sein Seelenheil nicht zu gefährden?

    Liebe Grüße von den mittelhessischen Faschingsverweigerern mit fröhlichem Herzen.

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  2. akinom schreibt:

    Pardon: Mein Kommentar ist unter den falschen Beitrag geraten!
    Gerade froh zurückgekehrt war ich von einem Besuch bei meiner 80-jährigen Schwester in Münster, mit der mein Mann und ich im TV die Vedelszööch angeschaut hatten, um uns von bösen Sorgen, Leid und Schmerzen ein wenig abzulenken und zu entspannen. Da fand ich, liebe Frau Sperlich, Ihren Beitrag mit dem Karfreitagsthema in Ihrem Blog. Das war einfach ein Hammer für mich !
    Bei uns hatte Frohsinn geherrscht, der unsere Sorgen mit einschloss. Der Tisch war mit Luftschlangen dekoriert, es hatte aber kein „Konfettipflicht“ gegeben. Karnevalserinnerungen waren auch ein Thema: Zum Beispiel der Bericht des Krankenhausseelsorgers an der Kölner „Lindenburg“, wo unser Bruder 1948 ff. Messe gedient hat. Beim ersten Karnevalszug nach dem Krieg hatte dieser eine Apfelsinenkiste organisieren und die böse Vergangenheit in neuer Aufbruchstimmung vergessen können: „Als isch de dicke Trumm jehört han, woar allet widder juuut!“
    Unvergessen auch: Karnevalssonntag 1975 hatte ich unseren Erstgeborenen zur Welt gebracht, eine „gewichtige Persönlichkeit“ (9 Pfund und 63 cm) mit jeckem Geburtsschaden. Das Lebkuchenherz für ihn ist abgeschickt. Wie gut tut doch das Wort der großen hl. Theresia von Avila: „Wenn fasten, dann fasten; wenn Truthahn, dann Truthahn!“
    Ich möchte meine Gefühle und Gedanken keinem überstülpen, mich aber auch nicht von „Anti-Frohsinnsschergen“ bedrängen lassen. Asche über mein Haupt erst übermorgen!
    Als Lektüre empfehlen möchte ich aber einfachin der Tagespost: „Die vergängliche Zeit der ‚verkehrten Welt‘. – Die Kulturgeschichte des Karneval beginnt vor 5 000 Jahren. Am Beginn der Zivilisation … Eine kurze Kulturgeschichte der fünften Jahreszeit“ von Josef Bordat

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Nun ja, es scheint etwas anrüchig, Karneval einfach nicht zu mögen. Das wurde mir jetzt wieder gezeigt.
      Ich bin ganz einfach froh, froh, froh, heute und morgen nicht im Rheinland sein zu müssen.

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  3. Andreas schreibt:

    Danke für diesen recht eigenwilligen Gruß aus der Hauptstadt der Partizipanten, des fleischgewordenen Mitnahmeffektes, der Daueralimentation und der größten Fangemeinde des Vereins Hybris.
    Wissen Sie, ich kann ja auch wenig mit Karneval anfangen, aber wirklich aufgezwungen wird mir da nix, wenn ich nicht will gehe ich nicht hin und fertig.
    Ich bleibe dann lieber trotzdem im Rheinland, leide weder unter „Frohsinn“ noch unter einer andauernd schlechten Laune, darf relativ sicher darauf vertrauen dass mein Auto morgens nicht als rauchendes Wrack vor der Tür liegt und dass ich eine Fahrt im ÖPNV immer noch sicherer mit heiler Haut überstehe als in der Haupstadt.
    Und ehrlich gesagt sind mir die Menschen in diesem Landstrich immer noch sympathischer als die von einem Selbstverständnis, dass an mittelalterliche Adlige erinnert, erfüllten Berliner.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Wo Sie sind, ist es selbstverständlich noch besser. Nur das Wissen um das Mittelalter scheint dort auch nicht weiter her zu sein als hier.

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      • Andreas schreibt:

        Ach das weiß ich nicht, auf jeden Fall dūrfte die Art sich auf anderer Leute Kosten eine Dauerparty zu gönnen und dann auch noch auf diese herabzublicken mebr mit gelebtem Mittelalter zu tun haben, als läcberlicher Mummenschanz.

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    • „Hauptstadt der Partizipanten, des fleischgewordenen Mitnahmeffektes, der Daueralimentation und der größten Fangemeinde des Vereins Hybris“ scheint ja auf erhebliche Eigen-Hybris, mit der von wenig Kenntnis getrübt von sich auf andere geschlossen wird, schließen lassen.

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    • Susanne schreibt:

      Scheinbar sind Sie der Meinung, dass alle Berliner arrogant sind und die Mentalität von Schmarotzern haben, weil Berlin im Länderfinanzausgleich Geld bekommt.
      Und dabei scheint es Ihnen entweder egal oder unbekannt zu sein, dass so etwas auf bundespolitischer Ebene entschieden wird und nicht von den Einwohnern selbst und dass denselben die Gelder daraus auch nicht direkt zugutekommen. Des weiteren tun Sie so, als gäbe es in Berlin keine Menschen, die ehrlicher Erwebstätigkeit nachgehen.

      Ich komme hier täglich unbeschadet zur Arbeit und zurück, und auch abends oder nachts zu Veranstaltungen und wieder nach Hause.
      Es gibt hier normale Läden. Da arbeiten Verkäufer. Es gibt Cafés und Restaurants. Da arbeiten Kellner und Köche. Es gibt Altersheime. Da arbeiten Pfleger. Es gibt Schulen da arbeiten Lehrer. Und das sind nur so die ersten paar Sachen, die mir dazu einfallen, um Beispielhaft klar zu machen, dass jeder logisch denkende Mensch auch bei Unkenntnis der tatsächlich herrschenden Verhältnisse nicht einfach davon ausgehen sollte, dass alle Berliner Schmarotzer seien.

      Davon abgesehen habe ich mal eine Frage:
      Sind all diese Schmarotzer aus Bayern nach Berlin gezogen, als Bayern von einem „Nehmerland“ zu einem „Geberland“ wurde? Oder ist Ihre Sicht auf das Problem so beschränkt, dass Ihnen der Logikfehler, von der Geldverteilung auf Bundesebene auf die Arroganz der Länderbevölkerung zu schließen, nicht auffällt?

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  4. Ich gehe als bekennender Preuße zum Lachen immer in den Keller. Vielleicht nicht ganz zum Karneval bzw. Aschermittwoch passend – aber doch irgendwie – meine kleine Geschichte „Ein erhebender Abend im Hause Kühn und Kacksis“ auf meiner Facebook-Seite (7.2.).

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  5. Eugenie Roth schreibt:

    Es gibt durchaus Orte, wo einem der „Frohsinn“ aufgezwungen wird. Davon halte ich nichts.
    Wer fröhlich sein kann, ohne seinen Schmerz und sein Leid wegzuleugnen, hat in seinem Leben schon Großes geleistet! So weit ist aber nicht jeder.
    Auch ich halte mich von Faschingsveranstaltungen jeder Art fern und erlaube mir zu lachen oder traurig zu sein, wann ich es BIN. Egal, ob gerade in den Fasching eine sorgenvolle Periode fällt oder ob mir in der Fastenzeit zum Lachen ist – von innen heraus, versteht sich.
    Letzteres ist ja auch biblisch. „Wenn du fastest, mach kein finsteres Gesicht…!“ sagt Jesus (wie immer weiß ich die Bibelstelle nicht auswendig).

    In diesem Sinne: ein dreifach donnerndes Helau!!!

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  6. Claudia Sperlich schreibt:

    So, ich habe jetzt einige Kommentare doch gelöscht. Ist besser so.

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