Ehrfurcht, Bildung und Klugheit

Ob ich mit einem Kunstwerk etwas anfangen kann oder nicht, sagt nichts über das Kunstwerk und wenig über mich.
Wie aber ein Mensch, der während seines Kunststudiums notwendig mit irgendeiner Form von Kunstverständnis in Kontakt getreten ist, ein Meisterwerk in seiner unmittelbaren Umgebung vollständig missachten kann, verstehe ich nicht.

Alexander Karle, Jahrgang 1978, Absolvent der Hochschule der Bildenden Künste Saar, in seiner Heimat Saarbrücken als Kleinkünstler nicht völlig unbekannt, machte durch eine sehr seltsame Aktion vor gut zwei Wochen von sich reden, die es heute immerhin in ein regionales Blatt geschafft hat. Die Saarbrücker Zeitung meldet:

Ein junger Mann mit Bart und kariertem Hemd steigt über die rote Kordel, die den Altarraum der Basilika St. Johann abriegelt. Er steigt auf den barocken Altar, macht 27 Liegestütze, legt sich kurz erschöpft auf die Steinplatte, steigt wieder runter, wischt mit einer Hand über den Altar, um Dreck zu beseitigen, und verlässt den Altarraum wieder.

Alexander Karle hat diese Aktion vollführt und gefilmt und sieht sie als Kunstwerk.

„Ich wollte mich nicht über die katholische Kirche lustig machen oder Gefühle von Gläubigen verletzen“, versichert Karle. … Es seien ein paar Menschen zum Beten in der Basilika gewesen, die dazu „kein Wort gesagt“ haben, versichert Karle. Und er sei ja selbst auch Katholik, wenn auch nur auf dem Papier. Er wollte zwei Symbole – Religion und Leistungsdruck eben – zusammenbringen, um deutlich zu machen: „Die Allmacht der Industrie mit all ihren Folgen für die Umwelt, Tiere und uns Menschen, das kann so nicht weitergehen.“

Die Basilika St. Johann in Saarbrücken ist reinster Barock, vollständig erhalten, dabei viel leichtfüßiger als der oft so überladene bayerische oder österreichische Barock. Daß der Altar ein besonderes Kunstwerk ist, kann man sehen, ob er einem nun gefällt oder nicht. Daß er aus Marmor ist, und daß Marmor ein sehr empfindliches, weil poröses Gestein ist, muß ich dem Herrn Absolventen einer Kunsthochschule wohl auch nicht erklären.

Aber das ist nicht einmal der wesentliche Punkt. Wäre es ein behelfsmäßiger Altar in einer zerstörten Kirche, oder wäre es ein Altar von ganz ausgesuchter Hässlichkeit, oder wäre es der Altar einer mir vollständig fremden Religion – es wäre genau so schändlich, darauf herumzuturnen.

Ich glaube Alexander Karle, daß er niemanden verletzen wollte. Das will auch ein zornentbrannter Fünfjähriger nicht, der Omas Lieblingstasse zerschmeißt mit dem Ausruf „Ihr seid alle doof“. Ich glaube sogar, daß er tatsächlich Kunst studiert hat (nicht aber, daß das viel über die Qualität der Hochschule der Bildenden Künste Saar aussagt).

Ehrfurcht vor Gott kann ich vom anderen nicht verlangen, nur erhoffen. Ehrfurcht vor dem Mitmenschen, Respekt vor seinen Sitten und Gebräuchen, kann ich verlangen, solange von mir verlangt wird, den anderen als kulturfähiges Wesen anzuerkennen. Bildung und Klugheit sind nötig, um den künstlerischen Rang und die religiöse Bedeutung eines Altars sowie eines Tabernakels zu sehen und um zu wissen, was sich in diesem Umfeld gehört. Ehrfurcht, Bildung und Klugheit vermisse ich bei Alexander Karle.

Und was Liegestütze auf dem Altar mit der „Allmacht der Industrie mit all ihren Folgen für die Umwelt, Tiere und uns Menschen“ zu tun haben, sehe ich auch nicht.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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