Zur Verdeutlichung: Zuerst sind die Schwächeren dran.

Ich schrieb gestern zum Thema Abtreibung über die sinnvolle Reihenfolge von Hilfeleistung im Zusammenhang mit Abtreibungen bzw. deren Verhinderung:

Zuerst versuchen, eine Tötung zu verhindern, dann erst versuchen, auch dem Täter (oder, hoffentlich, dem verhinderten Täter) zu helfen – das ist eine sinnvolle Reihenfolge. So empörend es für viele klingt: Der Mutter helfen ist zweitrangig. Den ersten Rang nimmt das Kind ein.

Hierauf wurde kommentiert:

Danke für den Artikel. Besser hätte man das dem “Pro Life” Lager zugrunde liegende gesellschaftliche Konzept gar nicht in drei Worten beschreiben können: “Frauen sind zweitrangig.” Finde es schön, dass sich das jemand mal so offen zu sagen traut und sich nicht hinter dem ganzen 1000.plus Schmonzes von wegen “wir wollen zuerst den Frauen helfen” versteckt.

Ich bin in meinem Gegenkommentar etwas unfreundlich geworden und stehe dazu. Meine Sympathie für 1000plus und andere Organisationen der Lebensschützerbewegung darf man voraussetzen.

Ich habe definitiv nicht geschrieben „Frauen sind zweitrangig“. Wer guten Willens und der deutschen Sprache mächtig ist, kann das überprüfen.

Wenn ich bei einem Unfall einen Menschen sehe, der kurz vorm Verbluten ist, und einen anderen, der sich den Arm gebrochen hat, dann ist der mit dem gebrochenen Arm selbstverständlich nicht als Person zweitrangig, aber ihm helfen ist zweitrangig. Das heißt: Ihm muss geholfen werden, aber den ersten Rang in der Folge der Hilfeleistungen nimmt der Verblutende ein. Ich nehme an, auch ein Mensch, dem der gebrochene Arm gerade sehr wehtut, wird das einsehen – zumindest nachträglich, wenn der Schmerzschock überwunden ist.

Ich hoffe, jetzt klar genug zu sein. Und ich hoffe, es gibt noch mehr als die mir persönlich bekannten Menschen, die den Unterschied zwischen „Der Mutter helfen ist in einer bestimmten Situation zweitrangig“ und „Frauen sind zweitrangig“ erkennen können und weder mir noch 1000plus Frauenfeindlichkeit vorwerfen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Zur Verdeutlichung: Zuerst sind die Schwächeren dran.

  1. KingBear schreibt:

    Hach ja. Den Kommentator kenne ich. Und mithin auch seine anfallsweise auftretenden Schwächen im sinnerfassenden Lesen. Er hat halt seine eigene Agenda im Kopf oder, wie man im Angloamerikanischen so schön sagt, seine eigene „Axt zu schleifen“. Da kann er sich nicht mit solchen Kleinigkeiten abgeben wie der Frage, ob das, was er kritisieren möchte, im von ihm beanstandeten Text wirklich drin steht. Kann man ihm nicht verübeln.

    …äh, Moment: Doch, KANN man! Muss man aber nicht. 😉

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Naja, wenn man ich ist, muß man – zumindest ab und zu. Was man aber auch sollte: die Kommentarmoderation so einstellen, daß er nicht automatisch zugelassen wird. 😉

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    • Klaus Ebner schreibt:

      Und sagen Sie mal nur, dass Sie keine Agenda im Kopf haben 😉
      Trotzdem finde ich es nicht schlecht wenn man sich trotz unterschiedlicher Agenda im Kopf hin und wieder mal austauscht – ohne herum zu pöbeln, versteht sich. Das Problem, das wir derzeit in Netz-Debatten haben ist doch, dass kaum argumentiert wird (noch nicht einmal falsch) dafür aber umso mehr Gewalt angedroht und angewendet.

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  2. Klaus Ebner schreibt:

    Ich habe mich polemisch ausgedrückt, denke aber schon, dass ich Ihren Text verstanden habe. Und damit auch die Grundproblematik. Ohne Recht auf Leben kann man auch keine anderen ausüben deshalb steht das Recht auf Leben über allen Rechten. Und deshalb sind alle Probleme und Bedürfnisse der betroffenen Frau – solange es nicht um ihr nacktes Überleben geht – demgegenüber zweitrangig. Das ist ja auch der Standpunkt der katholischen Kirche die aus diesem Grund jede Art von Indikation ablehnt. Darüber kann man diskutieren, war aber nicht mein Punkt. interessanter fand ich, dass das heute kaum mehr ein prominenter Lebensschützer so sagen würde. Das hat wohl historische Gründe. Bis weit in die 80er Jahre hinein spielten die Bedürfnisse von Frauen in Lebensschutz-Diskurs keine Rolle. Signifikant zum Beispiel wenn man die Erläuterungen zur Strafgesetzreform 1962 und hier den Grund für die Ablehnung der „kriminologischen Indikation“ durchliest. Oder die Debatten zum Strafrechtsreform 1974. Frauen, deren Probleme und Bedürfnisse waren für Pro Lifer immer vollkommen sekundär. Das böse Erwachen kam dann mit der Abstimmung über die heute gültige Beratungsschein-Regelung am 26.Juni 1995. Für den von Hüppe, Dörflinger und Konsorten eingebrachten Entwurf eines völligen Abtreibungsverbotes stimmten zwar 18 % aller männlichen Abgeordneten aber nicht einmal 2 % aller weiblichen. Grund genug dann für einen Kurswechsel. Nunmehr stellte man – zum Teil mit skurrilen Argumenten – die schädlichen Auswirkungen von Abtreibungen für die Frauen in den Mittelpunkt um damit Reaktanz bei weiblichen Abgeordneten und Wählern abzubauen. Strategie ist es dabei, die angeblichen physischen und psychischen Folgewirkungen von Abtreibung – ohne jede wissenschaftliche Basis – ins Groteske zu übersteigern, anderseits die gesundheitlichen Risken,,die Schwangerschaft und Geburt mit sich bringen komplett zu ignorieren. Dies ging sogar soweit, dass im Rahmen der sogenannten Kölner Klinikaffäre behauptet wurde, die Gabe der Pille danach „traumatisiere die von einem Verbrechen betroffene Frau ein zweites Mal.“
    Insofern finde ich Ihren Ansatz logischer, ehrlicher und richtiger. Und das respektiere ich auch.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Zunächst einmal: Die Lebensschutzbewegung hat, wie andere Gruppierungen, Bewegungen, Vereine und Individuen auch, dazugelernt. Das ist ja nicht grundsätzlich falsch. Was gleich geblieben ist: Sie ist für den unbedingten Schutz des Ungeborenen. Ich bin Teil dieser Bewegung.
      Sodann: Es kann kein „Recht auf Abtreibung“ geben, wenn man davon ausgeht, daß Menschenwürde dem Menschen immanent ist. Jedes Denkmodell, das nicht von immanenter Menschenwürde ausgeht, ist aber absurd (vgl. Josef Bordat, Ausersehen und geheiligt; ders., Ein Stück Ewigkeit im Provisorium. Zum Begriff der Menschenwürde im Deutschen Grundgesetz).

      Ich bin selbst nicht glücklich mit einigen Formen der Argumentation im Lebensschutz. Ich schrieb bereits, daß für meinen Geschmack zu häufig mit niedlichen Kinderbildern argumentiert wird. Nur ist eine Vorliebe für sentimentale oder niedliche Kinderbilder auch wieder kein Argument gegen die prinzipielle Richtigkeit der vertretenen Sache.

      Was die angebliche Frauenfeindlichkeit der Lebensschutzbewegung angeht: Die Hälfte aller abgetriebenen Menschen ist weiblich.

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