Unbedauert und trotzdem schlecht

Ob es das Post Abortion Syndrom als eigenes Krankheitsbild tatsächlich gibt oder nicht, weiß ich nicht. Es gibt Hinweise dafür und dagegen. Der Wikipedia-Artikel zum Thema verneint es auf erkennbar tendenziöse Weise. Prof. Dr. med. Ingolf Schmid-Tannwald (Ärzte für das Leben e.V.) legt dar, daß es als Variante des Posttraumatischen Belastungssyndroms gar nicht so selten auftaucht.

Daß es Frauen gibt, die nach einer Abtreibung keine Sekunde ihres Lebens denken, diese Tat könne falsch gewesen sein, ist kein Argument. Daß es Frauen gibt, die danach lange unter krankmachenden Gewissensbissen leiden, ist auch kein Argument. Denn einerseits gibt es Menschen, die ungesundes Verhalten leichter wegstecken als andere (und ja: eine schlechte Tat ist „ungesundes Verhalten“, nicht nur für das Opfer). Andererseits sind krankmachende Gewissensbisse aufgrund ganz verschiedenen Formen von Fehlverhalten bekannt und kommen sogar bei Menschen vor, denen nur eingeredet wurde, daß sie etwas Schlimmes getan hätten. (Letzteres wird von Pro-Choice-Befürwortern gerne – und bar jeder Logik – als Argument dargestellt.)

Symptome, die als PAS verstanden werden können, tauchen oft erst Jahre nach der Tat auf. Das macht es sicher schwierig zu beurteilen, ob sie überhaupt mit der Abtreibung zusammenhängen oder ganz andere Gründe haben; schließlich sammelt sich in fast jedem Leben, wenn es nur lange genug dauert, so manches an, was krank machen kann. Eine Frau, die abgetrieben hat und außerdem eine nervenaufreibende Arbeit hat und gemobbt wird, oder in deren Leben es noch andere traumatische Erlebnisse gab, die mit der Abtreibung nichts zu tun haben, kann dadurch krank werden. Man wird vielleicht nicht mehr zweifelsfrei herausbekommen, ob der Grund ihrer Krankheit in der Abtreibung oder anderen Problemen oder einer Kombination von beidem liegt. Die schwierige Diagnose spricht aber nicht gegen das Vorhandensein eines PAS, sondern für die Notwendigkeit gründlicher Forschung.

Selbstverständlich muss Müttern in Not beigestanden werden, und zwar vor, während und nach der Geburt. Selbstverständlich müssen auch Mütter, die abgetrieben haben, offene Arme und seelischen Beistand finden, wenn sie darunter leiden. Zunächst aber muss den Kindern beigestanden werden. So krass das klingen mag: Es ist wie bei anderen Tötungsabsichten und Tötungen auch. Zuerst versuchen, eine Tötung zu verhindern, dann erst versuchen, auch dem Täter (oder, hoffentlich, dem verhinderten Täter) zu helfen – das ist eine sinnvolle Reihenfolge. So empörend es für viele klingt: Der Mutter helfen ist zweitrangig. Den ersten Rang nimmt das Kind ein. Denn zuerst geht es darum, daß ein Mensch von Anfang an alle Menschenrechte hat und daß durch Abtreibung alle Menschenrechte missachtet werden. Ob sich irgendjemand der Beteiligten dies klarmacht oder ob Eltern, Großeltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Freunde und Ärzte unisono sagen „Macht nichts, weg damit“, und ob es der Mutter hinterher irgendwelche seelischen oder körperlichen Probleme bereitet, abgetrieben zu haben, oder nicht, ist für die schlichte Tatsache „Mensch wurde getötet“ vollkommen gleichgültig.

Wenn ein Mensch nach der Geburt getötet wird, ist es fast allen Menschen (Singer und ähnliche mal ausgenommen) klar, daß die darauf folgenden Gefühle des Täters für Ergebnis und moralische Bewertung der Tat keine Rolle spielen. Der Mensch ist tot, das ist traurig – es wurde getötet, das ist schlecht: Kaum einer wird hier widersprechen.

Es ist für die Beurteilung von Recht oder Unrecht vorgeburtlicher Tötung ebenso unerheblich, ob es der Mutter leid tut.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Unbedauert und trotzdem schlecht

  1. Jürgen Niebecker schreibt:

    Folgendes aus dem Wikipedia-Artikel ist interessant:
    »Das DSM-3R von 1987 führte den Schwangerschaftsabbruch als Auslöser einer posttraumatischen Belastungsstörung auf, seit der nachfolgenden Ausgabe DSM-4 (1994) wird dieser Auslöser nicht mehr aufgeführt.« (Steht seit heute so drin; seit ich es dort eingefügt habe)
    Quelle: http://www.life.org.nz/abortion/aboutabortion/pas9/

    Da fragt man sich doch, wieso wurde es gestrichen? Gibt es das wissenschaftliche Belege? Oder hatte das andere Gründe?

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  2. Klaus Ebner schreibt:

    Danke für den Artikel. Besser hätte man das dem „Pro Life“ Lager zugrunde liegende gesellschaftliche Konzept gar nicht in drei Worten beschreiben können: „Frauen sind zweitrangig.“ Finde es schön, dass sich das jemand mal so offen zu sagen traut und sich nicht hinter dem ganzen 1000.plus Schmonzes von wegen „wir wollen zuerst den Frauen helfen“ versteckt.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Damit haben Sie hervorragend bewiesen, daß Sie meinen Artikel nicht verstanden haben. Nicht daß ich das erwartet hätte! – Mir geht es um die Kinder und auch um die Mütter, 1000plus ebenfalls. Es ist traurig, wenn Menschen nicht sehen, daß ein totes Kind auch dann ein totes Kind bleibt, wenn keiner trauert. Nicht mehr und nicht weniger habe ich geschrieben – und leider in Ihrem Falle umsonst.

      Geschrieben habe ich: „Zuerst versuchen, eine Tötung zu verhindern, dann erst versuchen, auch dem Täter (oder, hoffentlich, dem verhinderten Täter) zu helfen – das ist eine sinnvolle Reihenfolge. So empörend es für viele klingt: Der Mutter helfen ist zweitrangig. Den ersten Rang nimmt das Kind ein.“ Hieraus zu machen „Frauen sind zweitrangig“ ist dumm und frech.

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  3. Pingback: Zur Verdeutlichung: Zuerst sind die Schwächeren dran. | Katholisch? Logisch!

  4. Cicero schreibt:

    Der einschlägige Artikel in der Wikipedia ist denkbar unzuverlässig, da es sich beim Komplex Abtreibung um ein hochidoelogisch aufgeladenes Thema handelt. Vertreter der Idee, man könne frei wählen, ob man ein ungeborenes leben läßt oder tötet, betrachten diese Wahl als einen Ausdruck von Freiheit.
    Diese ideologische Aufladung verhindert bislang – was schlimmer ist als ein minderwertiger Wikipediaartikel – die seriöse Erforschung des PAS sowie die Entwicklung sinnvoller Therapien. Ein PAS allein als eine PTBS zu beschreiben ist unzureichend, da die psychischen Folgen der erlebten und zum Zeitpunkt der Handlung zumindest grundsätzlich befürworteten Tötung des eigenen Kindes noch sehr viel mehr Aspekte für die psychische Entwicklung mit sich bringt, als allein eine traumatische Erfahrung. Man kann sagen, daß es sich bei einer Abtreibung auf jeden Fall um ein potentiell traumatisierndes Erlebnis handelt. Dazu kommt aber noch mindestens die Erfahrung des Todes des eigenen Kindes. Dies ist für jeden Menschen eine enorm belastende Situation. Dies gilt umso mehr, da ja der Frau nach einer Abtreibung die Trauer gesellschaftlich untersagt ist. Sie hat ja nur ein Freiheitsrecht wahrgenommen. Dieser innerer Widerspruch in Verbindung mit dem traumatischen Erlebnis führt unter Umständen zu einer Fülle zuweilen schwerer psychischer Störungen. Frauen mit PAS werden natürlich bei Psychotherapeuten behandelt. Sie landen ja schließlich und endlich in der Therapie, wenn sie nicht mehr weiter können. Und natürlich spielt dann in der Anamnese die Abtreibung eine Rolle. Doch mehr und mehr drängt sich mir der Eindruck auf, daß die Therapeuten ein brauchbares therapeutisches Werkzeug gegen den Gesamtkomplex PAS gut gebrauchen könnten. Der erste Schritt dazu wäre eine umfassende, statistisch gut abgesicherte wissenschaftliche Beschreibung der auftretenden Störungen. Und es ist keinesfalls so, daß man den Nachweis für die Ursache einer psychischen Störung nicht finden kann. Man kann durchaus in der Anamnese Linien aufzeichnen, wie die Entwicklung einer psychischen Störung verlaufen ist.

    Das alles bleibt Wunschdenken, so lange die Möglichkeit der Tötung eines ungeborenen Kindes als Bestandteil der „reproduktiven Gesundheit“ von Frauen wahrgenommen und bezeichnet wird. Ein solches Maß an ideologischer Aufladung ist von heute auf morgen nicht zu durchbrechen, wenn nicht ein entschiedener politischer Wille dazu besteht. Derzeit ist das nicht der Fall.

    Die Opfer dieser Ideologiesierung sind die Mütter und ihre Kinder. Dies betrifft sowohl die getöten als auch die vor- und nachgeborenen überlebenden Kinder einer Frau. Auch das sollte man bedenken, welche Folgen die Abtreibung eines Geschwisterkindes hat.

    Die seriöse Erforschung von PAS ist eine dringend erforderliche Aufgabe, die nur dann erfolgen wird, wenn es gelingen könnte entsprechende Drittmittel und einen guten, seriösen Wissenschaftler zu finden, der diesen Opfergang auf sich zu nehmen bereit wäre. Denn auch das muß man wissen: Dessen Karriere wäre damit beendet.

    Wikipedia ist hier mal wieder ein Spiegel der gesellschaftlichen Wirklichkeit unserer Tage. Leider.

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