Religion, Ethnie und Nationalität: Bitte mal differenzieren!

Verheerend ist der Mangel an Differenzierung bei zahlreichen Menschen, die kommentieren, was Muslime gesagt oder getan haben. Es spielt dabei keine Rolle, ob das Gesagte oder Vollbrachte gut oder schlecht war. Besonders deutlich wird das bei den verbalen Angriffen auf die Bundeswehrsoldatin Nariman Reinke, die 1. stellvertretende Vorsitzende des Vereins Deutscher.Soldat e.V. Nach den frauenverachtenden Übergriffen muslimischer Männer in Köln musste sie erfahren, daß sie – eine 1979 in Deutschland geborene Frau, die ihrer Heimat (Deutschland, nicht Marokko!) aus Überzeugung dient – mit diesen Kriminellen geradezu gleichgesetzt wird.

Nariman Reinke ist Muslima, ihre Eltern sind Marokkaner. Sie war zweimal in Afghanistan eingesetzt und dient zur Zeit bei der elektronischen Kampfführung.

Ihrem Unmut über die Gleichsetzung ihrer Religionszugehörigkeit mit Nähe zum Terrorismus machte sie auf der facebook-Seite ihres Vereins Luft:

Ich bin deutsch und Muslima. … Vergewaltigung ist auch in Marokko strafbar und die Entehrung einer Frau ist für Muslime eine sehr schwerwiegende und schlimme Tat.
… Hier nochmal für alle: Nein, ich kann es trotz meines Migrationshintergrundes und meiner Religion nicht nachvollziehen, wenn Frauen vergewaltigt werden – egal von wem. Die Annahme, dass ich es könnte, ist ein Abgrund menschlicher Dummheit.

… Moral ist keine deutsche Errungenschaft, bei der man nochmal nachfragen müsste, ob sie schon bei uns Zugewanderten verfügbar ist. Alle Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe sind genauso erschüttert, wie ganz Deutschland. …

Ich bin stolz, Deutsche zu sein. …

… Entweder wir sind der Meinung, dass der Schutz von Verfolgten richtig ist oder wir sind es nicht. Alles hinzuschmeißen, weil ein Tausendstel der Flüchtlinge kriminell geworden ist, würde unser Wertesystem als Heuchelei entlarven. Man kann nicht der Vorsitzende vom Vegetarierbund sein, aber zur nächsten Schnitzelbude flüchten, wenn man eine angeschimmelte Gurke im Kühlschrank hat.

Richtig ist aber auch, dass wir nun konsequent handeln und Straftäter ihrem rechtmäßigen Schicksal zuführen. …

Meine Eltern sind vor 52 Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen. Die Konsequenz waren nicht Vergewaltigungen und Straftaten, sondern sechs neue deutsche Kinder. …

Auch viele Flüchtlinge werden in Deutschland bleiben und Kinder haben. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass auch sie eine deutsche Heimat haben, in die sie sich einbringen und auf die sie stolz sein können.

Quelle

Innerhalb von zwei Tagen wurde diese Ansage über siebentausend Mal geteilt und über neunhundert Mal kommentiert. Mindestens die Hälfte der Kommentare besteht in widerwärtigen Beschimpfungen der Autorin – das geht vom Vorwurf der Heuchelei über Schmarotzertum bis zum Landesverrat. Immer wieder wird behauptet, sie sei nicht Deutsche, könne nicht Deutsche sein – weil sie marokkanische Wurzeln hat, weil sie Muslima ist. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kontert sie zu Recht: Ich bin deutsche Soldatin, mehr Integration geht doch gar nicht. Ich stehe für dieses Land ein.

Ich möchte hier weder meine Meinung zur Bundeswehr noch meine Einschätzung des Afghanistan-Einsatzes diskutieren. Mir geht es allein um Gerechtigkeit und differenziertes Denken gegenüber Zuwanderern und deren Kindern.

Immer wieder werden die Begriffe Religion, Ethnie und Nationalität vermengt. Das ist in keinem Fall zulässig.

Religionen sind prinzipiell nicht an die Nationalität oder Ethnie gebunden.

Bei Yeziden spielt die Volkszugehörigkeit zwar eine Rolle, nicht aber die Staatsangehörigkeit. (Ein Yezide mit deutschem Pass ist ein Deutscher yezidischen Glaubens.)
Das Judentum ist nicht missionarisch, viele Menschen nehmen daher eine ethnische Einheit der Religion Judentum an. Aber zum einen gibt es durchaus auch heute den Übertritt zum Judentum, zum anderen muss man nur die Bibel lesen, um zu wissen, daß das in biblischen Zeiten durchaus vorkam. Ein Ger Zedek ist ein Konvertit, der Beschneidung und Mitzwa auf sich nimmt und den Geboten folgt.
Das Christentum ist grundsätzlich an keine Parameter der Herkunft gebunden. Die Taufe wird ohne Ansehen der Herkunft gespendet, allein auf den Wunsch des Täuflings (oder, bei Kleinkindern, dessen Eltern). Der Taufbewerber (oder die Eltern) muss zwar darüber unterrichtet werden, worauf er sich einlässt. Aber nicht einmal der, der ihn tauft, muss notwendig über die Herkunft und Vorgeschichte des Täuflings informiert sein.
Der Übertritt zum Islam besteht im Aufsagen der Schahada. Auch hier ist die Bedingung allein der Wunsch des Konvertiten, Muslim zu werden. Den vielen törichten Menschen, die für Muslime einen Aufnahmestop oder die Ausweisung aufgrund der Religion fordern, fehlt nicht nur das Wissen um deutsches Recht und das Bewußtsein für Menschenrechte und Gerechtigkeit, ihnen fehlt auch die Einsicht, daß es Muslime mit deutschen Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gibt.

Ethnie und Volk sind schwammige Begriffe. Es gab allein in Europa in den letzten zweitausend Jahren (vom größeren Teil der Weltzeit zu schweigen) Völkerwanderungen, Kriege, raisonpolitische Ehen, Staatenbünde, Handels- und Forschungsreisende – wie soll man da noch von „Ethnie“ sprechen? Meine mir bekannten Vorfahren kamen aus einem Gebiet mit den Eckpunkten Darkehmen/Ostpreußen, Hamburg, Westfalen, Salzburg. Mit einiger Sicherheit gibt es in meiner Ahnenreihe Prußen, Wenden, Teutonen und Römer. Das weist mich als europäischen Normalfall aus.

Ich habe keine Sympathie für den Islam als Religion und schon gar keine für die Politik islamisch geprägter Staaten. Auch gibt es unter muslimischen Zuwanderern viele gewaltbereite und bildungsunwillige junge Männer. Aber der Islam kann gerechterweise nicht auf einen Haufen Krimineller reduziert werden. Die Gewalttätigen fallen auch deshalb auf, weil die Sanften es nicht tun. „XY lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland, betreibt mit seiner Frau ein kleines Café, seine Tochter ist Altenpflegerin und sein Sohn Schneider, und keiner aus der Familie ist jemals unangenehm aufgefallen“ – das ist keine Zeitungsmeldung. Das sagt auch der Nachbar und Kunde des Cafés XY nur, wenn gerade eine Apologie gebraucht wird.

Vollkommen falsch ist, alle Muslime gleich welcher Prägung vorab zu verurteilen, ohne Grund, ohne Prozess, ohne Rechtsbeistand und ohne Legitimation. Boshaft und schändlich ist es, einem Menschen, der mit Begeisterung und Tapferkeit diesem Land dient, die Berechtigung hierfür abzusprechen und ihm die Bürgerrechte aberkennen zu wollen. Daß übrigens Menschen, die genau das tun, sich als Verteidiger des christlichen Abendlandes gerieren, besudelt das Christentum.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Religion, Ethnie und Nationalität: Bitte mal differenzieren!

  1. Ja, der Mangel, vielleicht auch die bewußte Weigerung, differenziert zu denken, ist ein grundlegendes Problem. Das muß überwunden werden! Wir müssen doch irgendwie wieder zu einem sozialen Konsens kommen! Lange genug wurde auf der einen Seite nur „Lügenpresse“ skandiert, was eben eine durchaus auch (!) berechtigte und differenzierten Kritik an den Medien ausschließt (Glücklicherwiese haben nach den Silvesterereignissen – ohjeh, angesichts derer kann man doch nicht das Wort „Glück“ gebrauchen – inzwischen die Leitmedien selbst erkannt, daß sie diffenrenzierter berichten und die Berichte möglichst vom Kommentar trennen müssen.) – andererseits wurde „Pack“ und „Dunkeldeutschland“ gerufen, was die Versicherung, man nehme die Besorgnisse der Bürger ernst, unglaubwürduig macht.
    Nun haben wir schon wieder die pauschale Verdächtigung aller Muslime – kaum offentlich Gesicht zeigend, sondern anonoym.diffamierend im Internet – und auf der anderen Seite die Verdächtigung aller Männer, „Grapscher“ zu sein – das allerdings durch einige exponierte Politiker und gewisse „Experten“.
    Es gibt offenbar ein weit verbreitetes Bedürfnis nach undifferenziertem Denken. Ich schließe das aus den hohen Auflagen primitiver Nirgendwo-Phatasiegeschichten und den enormen Erfolg von Filmen, wo es nur Bösewichter und Gutewichte gibt. Von Diffenzenrieung, von echten, d.h. widersprüchlichen Charakteren will man offenbar weithin nichts lesen, sehen, wissen.

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