Heiligkeit und Hosen

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Bloggerkollege Tobias Klein machte mich darauf aufmerksam, daß das Tragen von Hosen bei Frauen in bestimmten sich katholisch empfindenden Kreisen verpönt ist und mit größerer Vehemenz thematisiert wird als andere, womöglich bedeutendere Probleme unserer Zeit und des katholischen Glaubens.
Ich bin eine Sünderin und, ich gestehe es, vollkommen ungeeignet, mit dieser Sorte Katholiken zu sprechen. Sie würden auf mich auch nicht hören.
Aber auf die Heiligen hören sie doch sicher. Und so zitiere ich zum Thema „Frauen mit Hosen“ aus den Prozessakten der Heiligen Johanna von Orléans, anno Domini 1431.

Donnerstag, 22. Februar, Verhör durch Magister Jean Beaupère.

Jeanne: … Nachdem ich Vaucouleurs verlassen hatte, erreichte ich Saint-Urbain und übernachte­te in der Abtei. Ich war in Mannskleidern. Baudricourt hatte mir ein Schwert gege­ben. Ich hatte keine anderen Waffen. Ein Ritter, ein Junker und vier Bewaffnete be­gleiteten mich. Unterwegs kamen wir durch Auxerre. Dort hörte ich in der Kathedrale die Messe. Und hierauf hatte ich häufig meine Stimmen. …

Dienstag, 27. Februar, Verhör durch Magister Jean Beaupère.

Beaupère: Ist es Gott, der Euch geboten hat, Mannskleider anzulegen?
Jeanne: Das Gewand ist gleichgültig; es ist nebensächlich. Ich habe diese Kleider auf keines Menschen Rat angelegt. Ich habe weder diese Kleider angelegt noch irgend et­was sonst getan, was nicht auf Geheiß Gottes und Seiner Engel geschehen wäre.
Alles, was ich getan habe, ist auf Befehl Gottes. Wenn Er mir befehlen würde, mich anders zu kleiden, so täte ich es. Denn es wäre Sein Befehl.

Samstag, 3. März, Verhör durch einen Richter.

Richter: Haben Euch die Geistlichen, die Euch in Poitiers einen Monat lang prüften, und die anderen, die Euch drei Wochen lang examinierten, gefragt, ob es auf Befehl Eurer Stimmen war, daß Ihr Mannskleider annahmt?
Jeanne: Ich erinnere mich nicht.
Richter: Hat man Euch im Schlosse Beauvoir darüber keine Frage gestellt?
Jeanne: Ja doch. Und ich habe geantwortet, ich würde sie nicht ablegen ohne die Er­laubnis Gottes.

Montag, 12. März, Verhör durch Jean de la Fontaine.

de la Fontaine: Hat Euch Robert de Beaudricourt ersucht, Mannskleider anzulegen, oder war es Euer eigener Wille?
Jeanne: Es war mein Wille. Kein Mensch hat es von mir verlangt.
de la Fontaine: War es die Stimme, die Euch Mannskleider anzulegen gebot?
Jeanne: Alles, was ich an Gutem getan habe, das habe ich auf Befehl der Stimmen ge­tan. Was das Kleid angeht, so antworte ich Euch ein andermal. Im Augenblick habe ich keine Weisung darüber. Aber morgen werde ich darauf antworten.
de la Fontaine: Empfandet Ihr es nicht als schlecht, die Mannskleider anzulegen?
Jeanne: Nein. Und wäre ich jetzt noch in diesem Mannskleid auf der anderen Seite, und könnte ich darin fortführen, was ich vor meiner Gefangennahme begann, es wäre eine große Wohltat für Frankreich, will mir scheinen.

Mittwoch, 14. März, Verhör durch einen Richter.

Richter: Jetzt hört einmal her: Ihr habt Paris an einem Feiertag angegriffen, Ihr habt das Pferd des Monseigneur von Senlis genommen, Ihr habt Euch vom Turm in Beau­revoir gestürzt, Ihr tragt Mannskleider, Ihr habt den Tod des Franquet von Arras ge­billigt – und Ihr meint, keine Todsünde begangen zu haben!

Jeanne: Zum vierten, dem Mannskleid: Da ich es auf Gottes Geheiß und in seinem Dienst tra­ge, glaube ich nicht, mich gegen ihn zu vergehen. Wenn es ihm gefällt, mir ein ande­res anzubefehlen, so werde ich dies hier sofort ablegen.

Im Klagebegehren, verlesen am Mittwoch, 28. März, heißt es über die Heilige, sie sei angeklagt…

… als Kriegshetzerin, die grausam nach Menschenblut dürstet und zu seinem Vergießen anspornt, die Ehrbarkeit und Schicklichkeit ihres Geschlechts verletzend und unehrerbietig und unpassend Kleid und Beruf der Krieger annehmend, weswegen sie vor Gott und den Menschen verabscheuungswürdig ist, als Verächterin göttlicher und natürlicher Ordnung sowie der kirchlichen Disziplin…

Montag, 28. Mai, Verhör durch Pierre Cauchon.

Cauchon: Was soll das heißen?
Jeanne: Ja, ich habe die Mannskleider wieder angenommen und die Frauenkleider ab­gelegt.
Cauchon: Warum? Wer hat sie Euch annehmen heißen?
Jeanne: Ich selbst. Freiwillig. Ich trage sie lieber als Frauenkleider.
Cauchon: Ihr hattet versprochen und geschworen, sie nicht wieder zu tragen.
Jeanne: Es war schicklicher, da ich in der Umgebung von Männern bin.

Ich bin zwar keineswegs heilig, aber ich trage gern Hosen. Ich habe damit kein Problem, solange ich nicht Katholiken vom Schlage eines Pierre Cauchon oder Jean Beaupère als Delinquentin gegenüberstehe. Sollte ich deshalb so enden wie Jeanne d’Arc, hoffe ich, das Patronat für die Hersteller kleidsamer Damenhosen zu bekommen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Heiligkeit und Hosen

  1. C.Becker schreibt:

    Der Abschlußsatz dieses Artikels, einfach herrlich. Ich mag deinen Humor und ich werde mich dafür einsetzen, daß man dir das Patronat geben möge. Doch möchte ich noch erwähnen, daß ich hoffe, du lebst noch eine lange Weile hier auf Erden. Einen schönen Sonntag und gesegneten Wochenstart.

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  2. Jürgen Niebecker schreibt:

    Ist es nur Zufall, den es ja eigentlich (aufgepasst: das ist ein jesuitisches Wort) nur bei der Kellertür gibt, wie schon Kardinal Volk wußte, daß dieser Beitrag gerade am
    internationalen Tag es »No Pants Subway ride« erscheint?
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/no-pants-subway-ride-keine-hose-is-mir-egal-1.2812547

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Da ich nicht wußte, daß dieser Tag heute ist bzw. daß es ihn überhaupt gibt, war es von meiner Seite keine Absicht. Da es für ein willkürliches Ereignis zu gut passt, muß es Fügung sein, nicht Zufall.

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  3. akinom schreibt:

    „Das Gewand ist gleichgültig; es ist nebensächlich.“ Diesen Satz, liebe Heilige Jeanne d’Arc,
    würdest Du sicher heute nicht mehr unterschreiben können, wenn Du siehst, wie die Gewandung manche Menschengruppen zur Bedrohung machen oder zur sexuellen Provokation und andere zu Zeugen göttlicher Liebe und Barmherzigkeit.

    Recht gebe ich Dir aber, wenn Du mit diesem Satz hochmütige Selbermacher der Heiligkeit anprangerst. Denen würde ich eine „Patronin für kleidsame Damenhosen“ ihres eigenen Seelenheiles wegen dringend anempfehlen.

    Übrigens haben wir noch bei unserem Klassentreffen „50 Jahre Zeugnis der Reife“ herzlich darüber gelacht, dass wir in unserer Liebfrauenschule nur Hosen tragen durften, wenn wir einen Rock darüber anzogen. Dieser verschwand dann nach dem Unterricht rasch in der Aktentasche…

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Jeanne kannte die Kleidung von Bauern, Händlern, Soldaten, Geistlichen, Juristen, Herrschern – und auch von Dirnen; es ist verbürgt, daß sie die aus dem Heerlager vertrieben hat. Für sie ist das Gewand gleichgültig; es kommt ihr ausschließlich auf das Innere an – auf die Treue zu Gott.

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  4. thecathwalk schreibt:

    Vielen Dank für den tollen Artikel – genau unsere „Wellenlänge“ 😉 Weiter so!

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  5. Hosenanzug Merkel schreibt:

    Tragen Sie ihre Hosen auch auf Geheiß Gottes oder seiner Engel? Oder nach eigenem Gutdünken?

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