So emanzipiert wie im Mittelalter

Das Mittelalter (von dem nicht einmal Mediävisten sich einig sind, wie lange es dauerte; je nach Berechnung sind es bis zu sechshundert Jahre mehr oder weniger) wird gerne als eine Zeit der brutalen Unterdrückung der Frauen angesehen. Frauen, so hört man immer wieder, durften im Mittelalter gar nichts, sich nicht bilden, nichts selbst entscheiden, kein Eigentum haben, nicht ihre Meinung sagen.

Zum Beispiel Katharina von Siena und Hildegard von Bingen, beide zu Lebzeiten von der Männerwelt hoch geehrt, gingen ihren Weg unbeirrt, in radikaler Nachfolge Christi, ohne sich um spießige Vorbehalte und elterliche Verbote zu kümmern.

Gut, das waren nur zwei, und sie stammten aus gutsituierten Familien. Natürlich hatten unzählige Frauen, die nicht in selbstgewählter Armut, sondern in existenzieller Not lebten, keine andere Wahl als genauso zu schuften wie ihre Männer, und waren ebenso rechtlos wie diese. In unseren modernen Zeiten können Familien ihre Kinder – weniger als damals – leicht ernähren und ihnen zu Bildung verhelfen, wenn nur ein Ehepartner arbeitet… oder? Zahlreiche Eltern müssen ihre Kinder deshalb schon sehr früh und sehr lange in Kindertagesstätten geben, weil beide arbeiten müssen, um die Kinder mit mehr als Nahrung und Kleidung zu versorgen. Um „Selbstverwirklichung“ geht es dabei nur in den gehobenen Schichten, andere Leute arbeiten, um über die Runden zu kommen. Kassenfrau im Großmarkt wird kaum jemand aus Gründen der Emanzipation. Also – die Sache mit der großen Freiheit der heutigen Frau ist noch unbewiesen.

Im ritterlichen Stand tradierten Frauen die Bildung. Die Männer waren mit anderen Dingen beschäftigt, sicherten echte und vermeintliche Rechte, zogen in Kriege und kleinere Fehden, lenkten wichtige und weniger wichtige Geschäfte nach außen hin. Alphabetisierte Ritter waren selten – so selten, daß Hartmann von der Aue sein berühmtestes Werk mit der Bemerkung beginnt, er sei ein Ritter, der sogar lesen könne.

Ja schon, aber Frauen durften doch nicht an die Universität! – Universitäten kamen im 11. Jh. auf, da war das Mittelalter schon eine Weile im Gange. In der Tat waren sie Frauen verschlossen. Heute sind unter den Dozenten und Professoren etwa drei Viertel Männer – ein wahrer Fortschritt gegenüber Zeiten, in denen die meisten Männer nicht schreiben und lesen konnten.

Die wissenschaftliche Welt war in der Tat vorwiegend eine Männerwelt, wenn man mal absieht von
Lioba von Tauberbischofsheim (700/710-782), Äbtissin, wegen ihrer Bildung von Bonifatius als Mitarbeiterin in der Mission eingesetzt;
Adelheid von Burgund (931-999), Kaiserin, Regentin, Klostergründerin,
Roswitha von Gandersheim, (938- nach 974)Dichterin;
Mathilde von Tuszien (1046-1115, Stifterin und Unterstützerin mehrerer Klöster;
Heloisa (1095-1164), Äbtissin und Klostergründerin;
Hildegard von Bingen (1098-1178), Äbtissin, Klostergründerin, Mystikerin, Visionärin, Universalgelehrte, Kirchenlehrerin;
Herrad von Landsberg (1125-1195), Äbtissin, Schriftstellerin;
Marie de Champagne (1145-1198), Literaturmäzenin;
Eleonore von Aquitanien (1122-1204), Regentin, Kreuzfahrerin;
Katharina von Siena (1347-1380), Ordensfrau, Mystikerin, Visionärin, Kirchenlehrerin;
Marie de France (1135-1200), Dichterin;
Christine de Pizan (1364-nach 1429), Schriftstellerin und Philosophin –
die Liste ist unvollständig.

Die Klöster waren Bildungsorte, und zwar nicht nur für Mönche und Nonnen. Viele Kinder – auch Mädchen – wurden in Klöstern erzogen, und keineswegs alle wurden Ordensleute.

Es war für Männer und Frauen gleichermaßen schwierig, aus dem Stand, in dem sie geboren waren, auszubrechen. Heute ist das natürlich viel einfacher, die Kinder einfacher Arbeiter, die eine Universitäts- oder Geschäftskarriere machen, sind Legion… oder? Nein, wohl doch nicht.

Ein Wahlrecht der Frau gab es im Mittelalter nicht. Allerdings gab es auch kein Wahlrecht des Mannes, das kann man also nicht als spezifische Form der Unterdrückung von Frauen werten.
Und die Hexen? Zum einen war die Neuzeit, nicht das Mittelalter, die wüsteste Zeit der Hexenverfolgungen. Zum anderen fiele diesen etwa gleich viel Männer wie Frauen zum Opfer.

Ja, aber die Neuzeit! Die Revolution! Die Menschen- und besonders die Frauenrechte!
Ach ja? Fragen wir doch eine Frau der Neuzeit, die ihre Klugheit und ihr Engagement für Frauenrechte mit dem Leben bezahlte.

O Frauen! Frauen, wann legt ihr eure Blindheit ab? Was für Vorteile habt ihr durch die Revolution erhalten? Eine stärkeres Mißtrauen, eine deutlichere Verachtung.

Olympe de Gouges

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu So emanzipiert wie im Mittelalter

  1. C.Becker schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Habe etwas dazulernen können.
    Ich wünschen einen gesegneten Start in die neue Woche.

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  2. Sharela Koch schreibt:

    Danke für den kritischen Artikel. Ich lese deinen Blog sehr gerne.

    Es stimmt, dass Frauen in der heutigen Gesellschaft andere Möglichkeiten zur Entfaltung haben – und statt Kinder und Herd wird nun erwartet, dass sie Kinder, Herd, Karriere, Mann und angesehene Hobbys unter einen Hut bringen. Alles mit gleich hoher Priorität. Und da soll nichts auf der Strecke bleiben? Ach so… 😉

    Liebe Grüße
    Sharry

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  3. Unser Mittelalterbild ist wohl immer noch durch die romantische Verklärung des 19. Jahrhunderts einerseits (Nur 2 Beispiele: Neuschwanstein ist keine mittelalterliche Burg, sondern eine im 19. Jahrhundert völlig neu erbaute Verklärung und auch auf der Wartburg sehen wir im Wesentlichen 19. Jahrhundert) und die Denunziation des Mittelalters als dunkle Zeit insbesondere infolge der Neuentdeckung der Renaissance im 19. Jahrhundert andererseits geprägt. Sehr fragwürdige populärwissenschaftliche Darstellungen, Mittelalterromane und -filme tun ein Übriges. Wer ist der „man“, der „das Mittelalter […] gerne als eine Zeit der brutalen Unterdrückung der Frauen“ ansieht und meint „Frauen […] durften im Mittelalter gar nichts, sich nicht bilden, nichts selbst entscheiden, kein Eigentum haben, nicht ihre Meinung sagen“? Das ist – wie (ähnliche) Pauschalaussagen (fast immer) einfach Unsinn. Adelsdamen (die vrouwen ) führten üblicherweise „daheim“ – insbesondere wenn ihre Ritter auf Raubzug waren – die Geschäfte. Der guoten burgaere wîp führten ebenso das Haus und insbesondere die Geschäfte, wenn der Gatte als Kaufmann unterwegs war, waren in vielen europäischen Gebieten erbberechtigt und testierfähig. Das Frauen nicht zum Studium zugelassen waren, hängt offensichtlich damit zusammen, daß die Universitäten aus Priesterseminaren hervorgegangen sind. Ja, Frauen waren in den Städten nicht wahlberechtigt, weil im Prinzip die hausbesitzenden und waffenfähigen Familienvorstände die Vertretungskörperschaften bildeten. Ja, Wissenschaft, Literatur und Kunst war lange Zeit reine Männersache. Aber: Vergleiche des Mittelalters mit unserer modernen Welt heute sind immer schwierig und man gerät leicht in die Versuchung unangemessen unsere heutigen Maßstäbe anzulegen und damit die ferne Vergangenheit mißzuverstehen.“Selbstverwirklichung“ z.B. ist ein Luxus der modernen Industriedemokratien und wurde erst im 20. Jahrhundert „erfunden“.

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