Scrooge, das Weihnachtsfest und der Grund desselben

In diesen Tagen wird Charles Dickens‘ Novelle A Christmas Carol / Ein Weihnachtslied tausendfach gelesen, in zahlreichen werktreuen und modernisierten Verfilmungen und Bühnenadaptionen angeschaut; es ist ein Inbegriff des Geistes der Weihnacht (und die drei Geister der Weihnacht kommen auch vor).

So hübsch und rührend die Geschichte ist, sie hat mit Weihnachten meiner Ansicht nach nichts zu tun. Scrooge bekehrt sich zu moralischen Grundsätzen und zum fröhlichen Feiern, zu sonst gar nichts.

Zunächst etwas zur Worthäufigkeit:

Christmas/Weihnacht bzw. Christfest kommt in der Geschichte 92 mal vor.

Christian/christlich 3 mal, in der Übersetzung 2 mal
– C. cheer of mind/christliche Herzensfreude
– C. spirit/christliche Gesinnung
– C. name/Vorname

God/Gott im Original 10 mal
– in redensartlichen Wendungen und Grußformeln 9 mal: G. save you, G. bless it [Christmas], G. bless you/us, G. forbid, G. bless my soul, G. love it, Oh G., G. knows – Gott schütze dich, Gott segne die Weihnacht, Gott segne dich/uns, Gott behüte, oh Gott, weiß Gott
– in einem deutlich spirituellen Sinn nur in „Spirit of Tiny Tim, thy childish essence was from God!“ / „Seele Tiny Tims, du warst ein Hauch von Gott.“

angel/Engel 3 mal
– im eigentlichen, religiösen Sinn nur in der Beschreibung von biblischen Bildern auf Ofenkacheln
– in der Beschreibung der zwei dämonischen Kinder: „Where angels might have sat enthroned, devils lurked“, „Wo Engel hätten thronen können, lauerten Teufel“,
– Ausruf des bekehrten Scrooge: „I am as light as a feather, I am as happy as an angel, I am as merry as a schoolboy.“, „Ich bin leicht wie eine Feder, selig wie ein Engel, vergnügt wie ein Schulknabe.“

Die Wörter Jesus, Maria, Joseph, heilig, Geburt, Hirten kommen gar nicht vor.

Weihnachten wird ausschweifig beschrieben als ein fröhliches Fest, ein Fest der Nächstenliebe, Milde, Freigebigkeit, der Familie und Freundschaft sowie des guten Essens. Die Weihnachtsgeschichte wird in keiner Weise erwähnt (nicht einmal als Bild auf den Ofenkacheln).

Der behinderte Junge, Tiny Tim, macht als einziger ernstzunehmende christliche Aussagen, sein Wunsch „Gott segne einen jeden von uns“ ist auf keinen Fall nur so dahingesagt. Seine Aussage, es könne den Leuten in der Kirche gefallen, ihn zu sehen, weil er an Den erinnere, der Blinde sehen und Lahme gehen ließ, hat als einziger Satz in der Novelle einen klaren biblischen Bezug (allerdings keinen ausdrücklich weihnachtlichen). Jedoch macht der kindlich ernste, fromme Tiny Tim die Geschichte nicht viel weihnachtlicher, er wird als Kontrast zu Scrooge eben gebraucht.

Die Erzählung ruft zum rechten Handeln und zur großzügigen Freude auf. Aber das tun auch die Humanisten. Feindesliebe wird zwar Scrooge entgegengebracht, den raffgierigen Fledderern in der letzten Vision jedoch nicht. Die Christgeburt wird nicht erwähnt.

Dickens‘ Weihnachtslied ist gar kein Weihnachtslied.

Ich habe mir zwar eine hübsche Verfilmung angeschaut. Aber mit Charles Dickens will ich nicht Weihnachten feiern.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Scrooge, das Weihnachtsfest und der Grund desselben

  1. Peter Friedrich schreibt:

    Wie schade wäre es für Sie, erkennten Sie nicht die Wiedergeburt von unverstellter, kindlicher Freude im Herzen eines bitter gewordenen älteren Menschen als das Wunder der Weihnacht.

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  2. Remulus schreibt:

    Zu erwähnen wäre vllt. aus einer Lebensschutzperspektive, dass Scrooge erst dem behinderten Tim gegenüber sehr abgeneigt ist und sogar meint, es gäbe ohnehin schon zuviele Menschen auf der Welt (!), dann aber das Niederträchtige dieser Aussagen erkennet, als sie ihm vom dritten geist an den Kopf geworfen werden. – Jede Weihnachtsgeschichte, die sich nicht ausdrücklich auf die von Betlehem bezieht als keine Weihnachtsgeschichte zu bezeichnen, erscheint mir etwas hart. Schließlich gibt es das Evangelium bereits und es muss auch nicht ständig paraphrasiert werden. Im Gegenteil empfinde ich es eher als Zumutung, wenn Weihnachtsgeschichten sich respektlos in die eigentliche Weihnachtsgeschichte missen, a la „Der frechste Esel von Nazareth“.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Das mit der Lebensschützerperspektive ist allerdings wahr. – Was mich an dem Christmas Carol nervt, ist nicht so sehr die Abwesenheit der Krippe wie die Vorgabe, daß es sich genau um Weihnachten, noch dazu um den „Geist der Weihnacht“ dreht. Das ist Etikettenschwindel. Daß man als Weihnachtsmärchen auch Geschichten auffassen kann, die keinen direkten Weihnachtsbezug haben, ist klar, und solche Anbiederungen an die Weihnachtsgeschichte wie von Dir im letzten Satz beschrieben, müssen wirklich nicht sein – da gebe ich Dir völlig Recht.

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