Kirche, Toleranz, Gender und Gerechtigkeit

Kürzlich schrieb ich unter dem Titel Bosheit, Feigheit, Dummheit eine Erwiderung auf die Menschen, die einen katholischen Blogger fortgesetzt in wüsten Mails mit dem Tod bedrohen. Ich hatte mich zu diesem Thema schon mehrfach geäußert. Tatsächlich wird die Kirche auch in Deutschland mehr und mehr angefeindet; das fängt bei unsachlicher Berichterstattung und beißendem Spott an und hört mit allgemeinen und persönlichen Drohungen gegen Besitz und Leben von Christen nicht auf, wie mehrere Fälle von schwerer Sachbeschädigung und Brandstiftung zeigen.

Auf den genannten Artikel schrieb mir Herr Peter Friedrich folgenden ausführlichen Kommentar, den ich weiter unten beantworte.

Daß manche Leute überreagieren auf Religiöse, läßt sich vielleicht schon irgendwie erklären.
Auf dieses mein Schreiben bekam ich mehrfach keinerlei Antwort:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich hätte eine Frage an Sie wegen des Umgangs von kirchlicher Seite mit dem Thema der Geschlechtergerechtigkeit. Wie auch immer man sich abarbeitet an Gender/Nichtgender, an Bildungsplänen oder „Demos für alle“, bei allem Verständnis oder Nichtverständnis, so würde mich eher Ihre Ansicht zur
praktischen Umsetzung der einschlägigen Thematik interessieren.
So wurde eine Transgender-Person im „Stern“ unter dem Titel „Das richtige Leben im falschen Körper“ interviewt, am 28.11.2015, daraus folgendes:

… Mittlerweile zählt die Polizei 29 ermordete Transgender allein in diesem Jahr in den USA. Erleben Sie selbst, dass man Ihnen mit Abscheu begegnet? Werden Sie bedroht?

Morde sind leider an der Tagesordnung.
Besonders schwarze Transgender, wie ich es bin, werden gejagt. Wer mich attackiert, befriedigt ja auf einen Schlag gleich zwei widerliche Wesenszüge: Homophobie und Rassismus. Ich bin in dieser Logik das perfekte Opfer.

Also gibt es Situationen, in denen Sie in Gefahr sind?

Ich würde es nicht direkt Gefahr nennen.
Aber ich fühle mich oft unwohl. Nachts in der U-Bahn zum Beispiel. Oder wenn mich Wildfremde fragen: „Hast du einen Penis oder eine Vagina?“

Wie reagieren Sie auf solche Fragen?

An guten Tagen sage ich: „Warum fragen Sie mich nicht erst mal, wie es mir geht oder wie ich heiße?“ An schlechten strecke ich
meinen Mittelfinger aus. Es geht niemanden etwas an, ob ich einen Penis oder eine Vagina habe.

Die Suizidrate unter Transgendern ist hoch.

So hoch wie in sonst keiner Gruppe. Sie liegt bei fast 50 Prozent. Viele bringen sich um, weil sie den Druck, weil sie sich selbst nicht aushalten. Auch die Arbeitslosenquote ist erschreckend. Die
Armut. Die Obdachlosigkeit. Warum ist das so? Weil Menschen, die sich zu einer anderen Sexualität bekennen, immer noch ausgegrenzt werden.

Dennoch scheint Amerika anderen Ländern weit voraus zu sein. Für die Rolle als transsexuelle Gefangene in der Serie „Orange is the new black“ wurde der Transgender Laverne Cox für einen Emmy
nominiert. New Yorks Bürgermeister plädiert dafür, das Geschlecht auf Geburtsurkunden ohne operative Umwandlung ändern zu können. Den Besuchern des Weißen Hauses steht neuerdings eine
„genderneutrale“ Toilette zur Verfügung.

Es geht voran, das stimmt. Und Amerika hat sicher eine Vorreiterposition. Aber in vielen islamischen Staaten werden
Transgender heute noch mit dem Tod bestraft.

Wenn Sie auf die Toilette müssen, benutzen Sie dann das Damen- oder das Herrenklo?

Ich vermeide öffentliche Toiletten, wann immer es geht, weil ich keine Anfeindungen provozieren möchte. …“

Erste Frage dazu: Auf welche Toilette sollte denn nun nach Ihrer Meinung dieser betreffende Mensch gehen?
Zweite Frage: Inwieweit läßt sich das grausame Schicksal dieses Menschen in Verbindung bringen mit der – durchaus pauschalisierenden – Begrifflichkeit des (Gender-)“Wahnsinns“ von konservativ-religiöser Seite?
Danke für Ihre Antwort!
Mit freundlichen Grüßen“

Man bringt also genaugenommen gepeinigte und bedrohte Menschen in den Ruch des Wahnsinns (z. B. „Gaga“, Birgit Kelle). Das ist so krank, daß man schon verstehen kann, daß jemand durchdreht. Daß dabei Bedrohung und Gewalt entstehen, ist wie immer schade.

Zunächst einmal bin ich froh über diesen sachlichen und engagierten Kommentar. Es ist beschämend, wenn kirchliche Stellen auf einen höflich formulierten und sachlichen Brief nicht antworten; ich weiß allerdings nicht, an welche Stellen der Autor sich gewendet hat.

Das in dem Brief zitierte, bewegende und in voller Länge lesenswerte Interview mit Tyler Ford fand in den USA statt. Die Situation dort ist mit der in Deutschland und anderen europäischen Ländern nur sehr bedingt vergleichbar. Leider hat nicht einmal ein schwarzer Präsident geschafft, die himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen Schwarze auch in der Justiz der USA zu beenden, und leider gibt es in den USA wohl weit mehr gewalttätige Auswüchse gegen Transsexuelle als in Deutschland. Auch tyrannische Sekten christlicher Provenienz sind in den USA dem Vernehmen nach häufiger als in Europa. Ich kann allerdings über die Situation in den USA mangels Sachkenntnis nicht mehr sagen.

Tyler Ford stellt die wohl rhetorische Frage: Erleben Sie selbst, dass man Ihnen mit Abscheu begegnet? Werden Sie bedroht?

Wenn ich die Frage auf Christen in Deutschland beziehe (obwohl Tyler Ford in dem ganzen Interview nicht von Christen spricht und Religion nur einmal erwähnt mit den Worten: Aber in vielen islamischen Staaten werden Transgender heute noch mit dem Tod bestraft), kann ich sie mit einem klaren Ja beantworten. Ja, vollständig unaggressive, für Frieden und Toleranz engagierte Christen wie Josef Bordat werden verabscheut und bedroht, darauf bezieht sich der Artikel, unter dem jener Kommentar steht. Es ist in Deutschland Alltag, daß Christen pauschal als minderbemittelt und boshaft dargestellt werden. Daß ich selber vor einigen Jahren in einer vollen S-Bahn gut hörbar und ausdrücklich wegen eines um den Hals getragenen Kruzifixes bedroht wurde mit den Worten Wenn wir dir mal nachts begegnen, stehst du nicht mehr auf, war noch eine harmlose Variante.

Daß in Deutschland auch von Christen gehässige und boshafte Dinge geäußert werden, ist bedauerlich und für Christen beschämend, aber gewiss kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums oder der Religionen; Gehässigkeit und Boshaftigkeit gibt es unter Menschen generell. Die Kirche bietet für den Umgang mit diesen schlimmen Dingen zweierlei – Bekenntnis der eigenen Sünden und die ständige Bereitschaft, die Sünden anderer (hier ausdrücklich gemeint: Gehässigkeit und Boshaftigkeit) zu vergeben.

Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt über Homosexualität Folgendes (Hervorhebungen von mir):

2357 Homosexuell sind Beziehungen von Männern oder Frauen, die sich in geschlechtlicher Hinsicht ausschließlich oder vorwiegend zu Menschen gleichen Geschlechtes hingezogen fühlen. Homosexualität tritt in verschiedenen Zeiten und Kulturen in sehr wechselhaften Formen auf. Ihre psychische Entstehung ist noch weitgehend ungeklärt. Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet [Vgl. Gen 19, 1-29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10.], hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, „daß die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“ (CDF, Erkl. „Persona humana“ 8). Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen.

2358 Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.

2359 Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft -‚ durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.

Die Gemeinheiten und Angriffe auf Homosexuelle sind also, selbst wenn sie von Christen unter Berufung auf das Christentum vollführt werden, in keiner Weise mit dem Christentum vereinbar; sie stellen eine schwere Sünde dar.

Die ökumenische Gemeinschaft wuestenstrom e.V. und die hieraus entstandene Bruderschaft des Weges helfen Menschen (u.a. mit der Selbsthilfegruppe Aufbruch Leben), mit ihren homosexuellen Neigungen so zu leben, wie es dieser Auffassung entspricht. Leider sieht die evangelische Kirche diese Gemeinschaft äußerst skeptisch an, und die katholische Kirche hat sich zu einem fruchtbaren Dialog mit wuestenstrom auch noch nicht durchgerungen. Ich bedauere das sehr; dieser Dialog ist gerade in seelsorgerlicher Hinsicht überfällig. Da ich nicht selbst betroffen bin, kann ich allerdings nicht sagen, welche Angebote es von kirchlicher Seite doch gibt und ob der Dialog mit wuestenstrom inzwischen doch angestoßen wurde.

Zur Frage, auf welche Toilette ein Transsexueller gehen sollte – die ich ernst nehme, weil ich weiß, wie dringend die Frage nach einer öffentlichen Toilette sein kann: Es ist mir nicht besonders wichtig. Wenn jemand so weiblich aussieht wie Tyler Ford, halte ich die Frauentoilette für angemessen, wenn er nicht auffallen möchte. Eine genderneutrale Toilette halte ich nicht für zielführend; damit wird das Schamgefühl einer Mehrheit verletzt, ohne daß einer Minderheit ein so überragender Dienst erwiesen wird. Viel wichtiger ist die Aufklärung darüber, daß es eben transsexuelle Menschen gibt, daß man davor keine Angst haben muß und daß sie selbstverständlich – blöd, daß man das noch sagen muß – die gleiche Würde und die gleichen Rechte besitzen wie alle Menschen. Und daß es nichts macht, wenn man nicht jeden einzelnen Menschen zweifelsfrei als Mann oder als Frau erkennen kann. Und daß man die Klotür schließt.

Die teilweise polemischen Worte gegen das, was ich als Genderei bezeichne, betreffen in der Regel gar nicht Homo- oder Transsexualität als solche. Sie beziehen sich einerseits auf unsinnige, unschöne und unpraktische Sprachregelungen, die die Verständlichkeit beeinträchtigen, auf sinnlose Ampelmännlein und -weiblein und ähnliche Maßnahmen, durch die kein einziger Homosexueller mehr Gerechtigkeit, mehr Chancen und mehr Freundlichkeit erfährt. Andererseits geht es darum, die zum Teil bereits durchgesetzten Erziehungsmaßnahmen an Schulen zu bekämpfen, bei denen Kindern von Autoren wie Tuider und Timmermanns eine grenzüberschreitende, die Persönlichkeitsrechte verletzende Beschäftigung mit Sexualität anbefohlen wird (ich habe hierzu vor einem Jahr etwas geschrieben; ich denke mir diese Maßnahmen nicht aus).

Zuletzt noch eines. Sie sagen: Daß manche Leute überreagieren auf Religiöse, läßt sich vielleicht schon irgendwie erklären.

Ich bin nicht der Meinung, daß Morddrohungen als irgendwie erklärbare Überreaktion bezeichnet werden dürfen. Das gilt für alle Morddrohungen, ob sie nun Josef Bordat oder Tyler Ford oder mir oder Ihnen gelten.

 

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Kirche, Toleranz, Gender und Gerechtigkeit

  1. Peter Friedrich schreibt:

    Guten Tag, Frau Sperlich,

    Als kleine Aufmerksamkeit zu Weihnachten diese wunderschöne Passage aus den Geschichten um Don Camillo und Peppone von G. Guareschi:

    …Der Strom fließt ruhig und langsam, dort, zwei Schritte vom Fuße des Dammes, und auch er ist ein Gedicht: ein Gedicht,das angefangen wurde, als die Welt begann, und das sich noch immer fortsetzt. Und um den kleinsten unter den Milliarden von Steinen am Grunde des Wassers abzuschleifen, waren tausend Jahre notwendig. Und nur in zwanzig Generationen wird das Wasser ein neues Steinchen geschliffen haben.
    Und in tausend Jahren werden die Leute mit einer Stundengeschwindigkeit von sechstausend Kilometern mit Superatomraketen fliegen, und wozu? Um an das Jahresende zu gelangen und mit offenem Munde vor demselben Jesuskind aus Gips stehenzubleiben, das Genosse Peppone an einem dieser Abende mit dem kleinen Pinsel bemalt hat. …

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  2. Wolfram schreibt:

    In vielem Stimme ich zu.
    Bei der Frage der Toiletten aber…
    In meinem Haus gibt es keine Herren- und Damentoilette. Im Gemeindehaus auch nicht: da gibt es nur eine mit normaler Tür und eine mit breiter Tür und viel Platz dahinter. Und wo in unseren Kirchen Toiletten nachgerüstet wurden, gibt es auch nur eine.
    Allen aber ist gemeinsam: sie haben Türen.
    Und damit ist getan, was nötig ist, um das Schamgefühl zu respektieren.
    Oder?

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