Man muß nicht alles singen.

Ich habe schon mehrmals auf ungute Liedtraditionen in der Advents- und Weihnachtszeit hingewiesen. Zu einem 2009 gebloggten Artikel über das Nazilied „Hohe Nacht der klaren Sterne“ erreichen mich noch heute Nachrichten von Menschen, die meine Kritik an diesem völkischen Geschwurbel nicht nur überzogen finden, sondern mit Pathos verteidigen, wie schön, erhebend und tröstlich dies Lied für sie ist. Oft sind die Kommentatoren Neopagane, die sich nach germanischen Gottheiten nennen; zuweilen sind es ältere Herrschaften, die – genau wie meine Eltern, denen dies Lied verhasst war – den Krieg miterlebt hatten.
Das eigentlich zugkräftige Argument, warum sie recht haben und ich nicht, ist dann a) meine Jugend und b) (wenn die Schreiber selbst noch jung sind) meine politische oder religiöse Orientierung. Da kann ich ja gar nicht urteilen können!

Zu dem obengenannten Schmachtfetzen des Liederdichters Hans Baumann (der später auch in DDR-Kindergärten und auf Weihnachtsfeiern des Deutschen Gewerkschaftsbundes gesungen wurde) zitiere ich den jüngsten Mailwechsel:

Hallo,
auf der Suche nach Noten für das schöne deutsche Weihnachtslied
„Hohe Nacht der klaren Sterne“ bin ich auf Ihre Webseite gestoßen.
Schade, dass dieses Lied nicht mehr gespielt wird.
Dieses Lied hat uns immer Kraft gegeben wenn wir Weihnachten, im
Bombenhagel, im Bunker verbringen. Auch die Jungvolklieder
die der Baumann geschrieben hat haben wir immer mit Begeisterung
gesungen, die Texte kann ich heut noch.
Wir hatten trotz Krieg eine schöne Kindheit.
M.f.G.

***

Daß und warum mich dies Lied nicht begeistert, habe ich in dem Artikel erklärt.
Daß es auch begeisterte, daß Jugendliche auch solche und schlimmere Lieder begeistert sangen, unterliegt gar keinem Zweifel – macht es aber nicht besser. Sagt die Tochter einer Frau, die den Bombenhagel in Hamburg mitgemacht hat und mir berichtete, daß sie selbst beim BDM gelernte höchst zweifelhafte Lieder gern mitsang – und erst später (nicht zuletzt durch ihre Eltern) den falschen Zungenschlag erkannte.
Claudia Sperlich

***

Sehr geehrte Frau Sperlich!
Ich glaube, dass Sie viel zu jung sind um sich ein Bild von dieser Zeit machen können.
Verstehen tue ich auch nicht warum solche Lieder grausam sein sollen, unsere Lieder haben uns in unserem Durchhaltewillen bestärkt und uns Kraft gegeben. Ohne unsere Ideale mit den dazu gehörigen Liedern hätten wir den Bombenkrieg, die brutale Besetzung  Berlins und die nachfolgende Hungerzeit nicht überstanden.
Ich empfehle Ihnen das Buch “Wir Kinder des Krieges, eine Generation erzählt ihre Geschichte” von Andreas Kuba. in diesem Buch kommen Zeitzeugen, zu denen ich auch gehöre, zu Wort.
Fröhliche Weihnachten

***

Sehr geehrter Herr …,
ich bin nicht zu jung, um Eltern zu haben, die mir sehr plastisch vom Krieg erzählt haben.
Nicht zu jung, um zu wissen, wie ein zerschossenes Männerbein aussieht (und was die Spätfolgen sind).
Nicht zu jung, um von der Mutter sehr genau gelernt zu haben, was die Bomben auf Hamburg bedeuteten und warum ihr Vater einem Kollegen die Überfahrt nach Amerika ermöglichte.
Nicht zu jung, um ein Nazilied vermöge literarischer Kenntnis zu analysieren – und festzustellen, daß es ein Nazilied ist.
Keine Sorge: Ich kann sowas auch mit den Liedern der Freien Deutschen Jugend. Da sind nämlich ganz ähnliche Sprachbilder. Und nein, ich bin kein „armer Ossi“ – sondern ganz einfach nur die Tochter von Menschen, die wußten, was Krieg ist. Die Mutter als Kind, der Vater als Soldat. Hunger kannten auch beide.
Es haben auch ganz andere Leute die Nazizeit mit Liedern überstanden… oder zumindest dem Unrecht bis zu ihrem Ende standgehalten. Mit Liedern. Wie zum Beispiel „Von guten Mächten treu und still umgeben“. Oder „Veni Sancte Spiritus“.
Tja… auch das spendet Trost…

Auch Ihnen wünsche ich eine gesegnete Weihnacht.
Claudia Sperlich

Bedenkt, was Ihr anstimmt. Denn man kann ein altes Sprichwort auch umkehren: „Wes Lied ich sing, des Brot ich ess.“ Und das könnte das Brot des Teufels sein.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Man muß nicht alles singen.

  1. Soeben in die kath. Bloggerliste eingebaut.
    Alter Blog dort gelöscht.
    HERZLICH WILLKOMMEN !
    http://www.bloggerliste.blogspot.de

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  2. Eugenie Roth schreibt:

    Gut argumentiert!

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  3. Wolfram schreibt:

    Die Nacht ist vorgedrungen. Der Tag ist nicht mehr fern.

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